2. Etappe: Estepona – Lanzarote: Atlantic here we come – die Fahrt der Performace-Rekorde



Beflügelt von der ersten tollen Etappe starteten wir um die Mittagszeit in Estepona. Vormittags hatten wir die Pure Fun noch mit frischem Proviant und Wasser für die nächste Etappe beladen. 

Angekommen im geographisch eindrücklichen Gibraltar wurde auch der Tank noch einmal befüllt, in der Hoffnung so wenig wie möglich davon zu brauchen und stattdessen von Wind und Segel nach Lanzarote getragen zu werden. Das Timing war perfekt. Die Zeit für die günstige Strömung durch die Strasse von Gibraltar war gekommen und so ging es wie geplant um 17:00 Uhr los.

Die Straße von Gibraltar lag ruhig vor uns mit Sicht auf die Berge von Nordmarokko. Als wir das Tor zum Atlantik verließen wurden wir von Nebelschwaden und dem Tönen des Nebelhorns der Frachtschiffe begrüßt, die so ihre Anfahrt signalisierten. Dies sollte die kälteste Nacht an Bord werden, lange Hosen und warme Jacken wurden ausgepackt, mystisch hing der Nebel im Großsegel. Begleitet von den Lichtern der marokkanischen Küste arbeiten wir uns gen Süden.

Am Nächsten Tag hatte der Gennaker seinen großen Auftritt. Nachdem es mit dem Parasailor schon so gut geklappt hatte und dieser uns bereits im Mittelmeer schnell vorangebracht hatte, war nun der Gennaker das beste Tuch, um mit Speed, Kurs auf Lanzarote zu nehmen. Gespannt auf den Gennaker, klappte als mittlerweile eingespieltes Team, der Segelwechsel fix. Mit flotten 9 Knoten – bis zu 11 Knoten in der Spitze – enttäuschte der Gennaker nicht und trug uns rasche voran. Auch von der Optik war das gelbe Segel im Kontrast zum blauen Himmel ein echtes Highlight.

Wieder einmal begleitet von Delfinen ging es in eine weitere Nacht auf See. Das Motto für diese Nacht: vor dem Hafen ankernden und fahrenden Frachtern auszuweichen. Nach tollem Wind am Vortag, ging es nun mit Motor und Großsegel durch die Nacht. 

Am nächsten Tag frischte der Wind auf und die Segel wurden nach Wind und Welle angepasst. Der Tagesablauf war bestimmt von Wind, Wetter, Segel setzten, kochen bei Schräglage und Wellengang – so ging es Tag für Tag voran. So wie das Land am Horizont verschwand verloren auch vermeintlich wichtige Dinge ihre Bedeutung. Fernab des trubeligen Alltags und ohne jeglichen Handyempfang gewannen alltägliche Dinge wie ein kühles Glas Wasser an Wert und sind plötzlich etwas Besonderes – das erdet ungemein! Dazu die hypnotisierenden Wellen des Meeres. Einfach magisch!

Aktuelle Wetterdaten wurden bei Predictwind Abgerufen. Nachdem es die verschiedenen Wettermodelle im Vorhinein spannend gemacht hatten, wurden von einem Wettermodell nun Böen bis zu 43 Knoten vorhergesagt. Wir wollten zwar schnell unterwegs sein, aber auch heil ankommen, daher wichen wir vom direkten Kurs ab und segelten länger der Küste von Marokko entlang, bevor wir Kurs auf Lanzarote nahmen.

Trotz Kursabweichung brachte die nächste Nacht ordentlich Wind und Wellen, aber so dass das Seglerherz lachte. Mit achterlichem Wind von um die 30 Knoten strömte lautes Getöse über das Heck der Pure Fun, brachte uns schnell voran und der bisherige Perfomance-Rekord von 114% Prozent wurde gebrochen und ein neuer von 130% aufgestellt. 

Bei weiterhin achterlichem Wind wurde noch einmal der Parasailor ausgpackt, kontinuierlich ging es mit 10 Knoten voran. Delfine scheinen es zu lieben mit der Pure Fun um die Wette durch die Wellen zu gleiten und sich am Bugspriet dazu als Formation zusammen zu finden und vor Freude zu hüpfen. 

Auf halbem Weg zwischen Marokko und Lanzarote ließen wir die zu Beginn untypische kurze Welle hinter uns und freuten uns über die berühmte lange Atlantikwelle, die uns bis nach Lanzarote brachte. Die Mannschaft an Bord entschied sich nicht direkt einen Hafen auf Lanzarote anzusteuern, sondern vor La Gracioca, einem Eiland im Nordwesten von Lanzarote in der Bucht von Palya Francesca zu ankern. 

Eine Aufgabe gab es noch als Team zu lösen, vor La Gracioca bei Nacht und Wind das Parasail bergen und anschließend zu ankern. Begrüßt von einem ruppigen Deutschen, der zu gern die Bucht für sich gehabt hätte, ankerten wir…. auch wenn die Begrüßung freundlicher hätte sein dürfen. Mathias steuerte mit Bravour die Pure Fun trotz Wind und Dunkelheit. Der Strand ist hufeisenförmig und nach Süden ausgerichtet, weshalb das Meer hier fast immer ruhig ist – nicht in dieser Nacht! Glücklicherweise fand der Anker auf 17 m Halt und die Pure Fun konnte die Nachtruhe antreten. Mission accomplished! Alle glücklich über die erfolgreiche Reise, ließ Mathias den Korken knallen und lud zum prickelnden Ankerdrink ein.

Nach Ankunft in Dunkelheit, zeigte sich die „Graziöse“ am nächsten Morgen in ihrer vollen Pracht. Die Bucht von Playa Francesca mit wunderschönem Sandstrand wird vom imposanten Vulkan namens Montana Amarilla überragt. Was ein Ausblick – wann wacht man schon auf einem Boot direkt neben einem Vulkan auf! Wow!

Irgendwann muss wohl ein jedes Abenteuer zu Ende gehen und so stand der Landgang für die Crew unausweichlich bevor. Aber zuerst musste das Parasail, das wir noch nachts bei feuchtem Deck eingeholt hatten getrocknet werden, bevor wir in die Marina Rubicon einlaufen sollten. Als Trocknungsaktion gedacht entwickelte sich die Etappe an die Südspitze von Lanzarote als richtiger Segelspaß. Mit achterlichem Wind und ordentlicher Schräglage ging es mit 14 Knoten Geschwindigkeit bei bis zu 34 Knoten Wind und einem neuen Performance- Rekord von 130 Prozent ans Ziel in die Marina Rubicon. Noch viel wichtiger als alle Rekorde, die strahlenden Gesichter an Bord. Besonders froh sind wir auch, dass Clemens es mit uns bis ins Ziel geschafft hat. Wagemutig filmte er die Rekordfahrt.



Im Hafen angekommen zeigte sich die Pure Fun in Salzkristalle gehüllt. Zukünftig kann nun handgeschöpftes Salz für die Extra Brise Pure Fun im OnlineShop erworben werden 😉 (Scherz, aber eigentlich eine ganz coole Merchandise-Idee). 

Als wir gerade dabei waren die Pure Fun wieder zum Strahlen zu bringen, traf Sybille ein und packte direkt mit an. Viele Hände schnelles Ende – so konnten wir bald auf den erfolgreichen Törn anstoßen. Ohne Schäden an Boot oder Mensch, reich an vielen tollen Erfahrungen stießen wir gemeinsam auf das tolle Erlebnis an.

Am nächsten Morgen machte sich die Crew noch etwas schwankend vom Meer für das gemeinsame gewöhnen an Land zu einer kleinen Wanderung entlang der Küste zum Playa Papaygayo auf.

Belohnt mit einem Sprung ins kühle Nass und einem letzten Crew-Lunch mit tollen Ausblick im Restaurant „be Papagayo“ fand die Wanderung und die gemeinsame Reise ihr Ende.

Beseelt von den Erlebnissen, die Atlantikwelle im Herzen und dankbar, dass alles so gut geklappt hat verabschiedeten sich Clemens, Elly und Mona! (Wir werden wohl noch lange an die Reise denken, unter anderem, wenn wir mal wieder versuchen den Mülleimer abzuschließen;)  )

Pure Fun in der Marina Rubicon

Biskaya gemeistert

Aus Sicht von Sybille:

Heute morgen am 19.10.22 um 4:00 Uhr sind bei Regen in La Coruna in den Hafen des Real Club Nautico de A Coruna eingelaufen. Jetzt haben wir tatsächlich die gefürchtete Biskaya durchquert.

Leider war es mir aus technischen und sonstigen Gründen nicht möglich während der Überfahrt etwas zu veröffentlichen. Wir hatten 15-32 Knoten Wind, sind teilweise im 2.Reff gesegelt, streckenweise auch Motor, wenn der Wind von vorne kam. Da wir ein Zeitfenster hatten bevor mehr Wind und Welle angesagt war entschieden wir uns für Motoren anstatt zu kreuzen. Die Temperaturen waren zu Beginn recht frisch und wurden immer angenehmer. Das Wetter war sehr gemischt, Bewölkung , Sonne, wunderschöner Sternenhimmel, Regen und Gewitter ganz zum Schluss. Auch Delfine haben uns immer wieder besucht und begleitet. Die Durchschnittsgeschwindigkeit unserer X 5.6 war 8-9 Knoten unter Segel, 6-7 Knoten unter Motor.

Was mich wirklich beeindruckt hat, war wie sich das Leben auf dem Boot durch die Schräglage verändert hat. Man konnte nur gehen wenn man sich festhielt, bzw. sich an Möbeln und Haltegriffen entlanghangelte. Anziehen und Ausziehen ging nur gegen eine Wand gedrückt. Ich habe nur Ölzeug und Stiefel an- und ausgezogen, den Rest einfach drei Tage lang unverändert gelassen. Teilweise habe ich sogar mit Mütze geschlafen. Wir hatten nachts 4 Stunden Wache. 2 Std. aktiv, 2 Std. standby. Dazwischen war Zeit zum Schlafen oder Essen. Während der Fahrt war es sehr laut im Boot. Die Wellen klatschten gegen den Bug, oder die PURE FUN surfte mit der Welle. Das surfen fühlte sich weich und geschmeidig an, wenn der Bug allerdings gegen die Welle fuhr fühlte sich das hart und brachial an. Ein Gefühl als wäre man in einem Fahrgeschäft auf dem Rummelplatz. Auch wenn es sich extrem angefühlt hat konnte ich gut mitgehen, war nie im Widerstand und hoffte, dass es bald vorüber ist. Man wurde in diesen Tagen Teil einer ganz anderen Welt, das fühlte sich sehr speziell und besonders an.

Zum Thema Essen. Lieblingsnahrungsmittel waren eindeutig Äpfel, gefolgt von Bananen. Wir hatten Alle viel weniger Appetit als zuvor. Kochen war mir nicht möglich. Wie meine Schwägerin Bärbel das macht ist mir ein Rätsel. Jedes öffnen und schließen einer Schublade ist ein Kraftakt. Öffnet man Schränke fliegt einem alles entgegen. Da meine Stiefel meist feucht an der Sohle waren, hatte ich auch gar nicht genug Halt um mich dagegenstemmen zu können. So gab es Baguette und Obst. Einmal Flammkuchen und gestern Pasta mit Pesto. Den Geburtstagskuchen von Bernd, der am 18. Oktober Geburtstag hatte, haben wir gar nicht angeschnitten, da keiner Appetit darauf hatte.

Heute am Mittwoch unserem ersten Tag in La Coruna herrscht reges treiben auf der Pure Fun. An allen Ecken und Enden wird geputzt, getrocknet, aufgeräumt und die bürokratischen Dinge erledigt. Draußen scheint die Sonne, es ist warm und so richtig mag sich noch keiner von uns ins Gewimmel einer Stadt stürzen. Ich habe das Gefühl, jeder wurschtelt mit einer wohligen Zufriedenheit im Inneren vor sich hin.

Vor der Abfahrt in Guernsey, die Biskaya Crew v.l. Mathias, Sybille, Evelyn, Bernd und Andreas